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Bericht zur 1. "Vollversammlung" der GAG vom 07. - 10. September 2001
von Thomas Krassmann, 24.11.2001
--- in Memoriam meiner am 24.08.2001 verstorbenen Frau Ute ---
Letztes Untertagebild von
Ute, Januar 2001
Vivat, crescat, floreat* - so ist es überraschenderweise unserer erlauchten "Grubenarchäologischen Gesellschaft" in
den letzten Jahren gegangen. Hatte man ursprünglich vielleicht damit gerechnet, das sich die in studentischer Zeit
und unter studentischen Lebensbedingungen in Göttingen entstandene GAG nach Zerstreuung ihrer Gründungsmitglieder in alle Winde allmählich auflösen würde, so stellte man noch Jahre später fest, das es trotz räumlicher Distanz kein Nachlassen
gemeinsamer montanhistorischer Aktivität gab... Mehr als daß hat uns unsere seit 1997 betriebene Präsenz im Internet eine
Reihe von sehr aktiven Neumitgliedern beschert. So willkommen das ist, bringt ein solcher Mitgliederzuwachs auch einige Probleme mit sich. Waren früher sämtliche GAG - Mitglieder bestens miteinander bekannt, so wird dies bei vielen Neueintritten naturgemäß schwieriger. So wurde die Idee geboren, in Thüringen eine Vollversammlung der GAG einzuberufen, auf denen sich Alt- und Neumitglieder miteinander bekannt machen konnten, wo gemeinsame Befahrungen stattfinden sollten und wo das Bier in Strömen... aber lassen wir das !
* für alle Nichtlateiner: etwa "Wachse, blühe und gedeihe !"
Eine Vollversammlung ist es dann leider doch nicht geworden - sehr zum Unmut des Organisators Michael Pfefferkorn - aber dies ist bei einer Größenordnung von derzeit etwa 15 GAG - Mitgliedern mit sehr dezentraler Wohnlage auch kaum mehr zu verwirklichen. Immerhin wurden etwa 2/3 der Mitglieder inclusive einiger im Verlauf der Veranstaltung aufgenommener "Jungfüchse" gesichtet und das ist doch auch schon immerhin etwas...man sollte nicht unzufrieden sein !
Freitag, 07. September 2001
Offizieller Treffpunkt war der Parkplatz an der Schachtanlage des Schieferbergwerkes Lehesten, hoch oben im Thüringer Wald auf etwa 700 m Höhe gelegen. Eine ziemlich kalte Ecke, wie einige der Teilnehmer während der folgenden Exkursion schmerzlich bemerken sollten. Andere hingegen nicht, da sie in ihren warmen Autos saßen, zu spät von zu Hause losgefahren waren, unterwegs Wildbret jagden und erfolgreich erlegten --- aber leider dabei unterließen, das Rehfilet pflichtgemäß bei der GAG - Küchenleitung zum abendlichen Verzehr abzugeben. Naja, seien wir tolerant, jeder macht mal Fehler. Tatsächlich war der Hinweg wegen zahlreicher Baustellen und sonstiger Umleitungen nicht so ganz ohne, weshalb ich mich entschlossen hatte, Lehesten quasi "von hinten durch die Brust ins Auge" über Schweinfurt, Bamberg und Kronach von Süden her zu erreichen. Das war gar keine so schlechte Idee, wenn der Weg auch streckenmässig etwas weiter war. Immerhin hatte ich so die Gelegenheit, noch einen Blick auf den mir bis dato unbekannten "Stockheimer Pechkohlenbergbau" in Nordfranken zu werfen. Zwar hat es finanziell nicht gereicht, ein Bergbaumuseum für diesen 1971 eingestellten Kohlebergbau zu realisieren, aber immerhin stehen eine Menge von Erinnerungs- & Erläuterungstafeln in der Gegend herum. Auch einen guten Leberkäse gab es in Stockheim zu kaufen, was ich in weiser Voraussicht auch tat. Das war eine ganz hervorragende Idee, denn zum einen war der Leberkäse selbst ganz hervorragend und zum anderen sollte es zum Leidwesen aller anderen Teilnehmer bis zum späten Abend dieses Tages nichts mehr zu Beißen geben !
Um Punkt 12 Uhr mittags war die Einfahrt im Schiefer - Schacht - grammatikalisch richtig müßte es ja eigentlich "im Schiefen Schacht" heißen - vorgesehen und tatsächlich hatten sich alle angekündigten GAG - Mitglieder bis auf die eingangs erwähnten Jäger auch hier oben in einem beeindruckenden Gebäudeensemble des historischen Lehestener Schieferbergwerkes versammelt.
Es nahte alsbald Herr Liebeskind, der langjährige Betriebsführer des Schieferbergwerkes und nahm uns auf eine selten ausgiebige Führung mit. Zunächst jedoch erzählte er manch Wissenswertes zur Geologie und Lagerstättenkunde der Lehestener Schiefervorkommen. Die folgenden Abbildungen zeigen zunächst die regionale Stratigraphie Thüringens mit starken Anteilen ordovizischer und silurischer Schichten sowie die regionale Verbreitung der abbauwürdigen Dachschieferlagerstätten im Thüringer Raum - wie sie sich in dieser Form übrigens auch noch weiter nach Oberfranken hinein fortsetzen und die Lagerstätte Lehesten - Schmiedebach im größeren Detail.
Da wir uns hier ja im Thüringischen Schiefergebirge befinden, sollte man meinen, das es hier reichlich Schiefer gebe. Das ist zwar auch so, jedoch ist nur ein geringer Bruchteil dieser Schiefer als Dachschiefer geeignet, wie das obige geologische Säulenprofil zeigt, das einen Überblick über die gesamten im Thüringer Schiefergebirge vorkommenden Sedimentschichten mit einer Gesamtdicke von immerhin 4000 m (!) bietet. Der Dachschiefer selber bildet davon mit etwa 25 m einen nur sehr geringen Anteil, der zudem durch mehrere Einlagerungen von Fremdmaterial weiter untergliedert wird.
Abb.3: regionale Verbreitung der Thüringer Dachschiefer, die sich auch
nach Oberfranken in WD (= Westdeutschland) hin erstrecken

Abb. 4: Dachschiefervorkommen im Raum Lehesten: der Schiefer ist
in schwarzer Farbe eingezeichnet
Abb.5: Strecke in der 1, Sohle, Schieferbergwerk Lehesten mit Ockerbildungen
Nach diesen einführenden Erläuterungen ging es dann flugs zur Seilfahrt, die uns 80 m hinunter auf die 1. Sohle des Bergwerkes führte. Der Schacht geht noch 3 Sohlen tiefer, aber dort hinunter lässt man leider nur erlauchteres Publikum als unsereins und so mußten wir mit dem relativ kleinen Besucherbereich der 1. Sohle vorlieb nehmen. Zu sehen gab es neben recht ordentlichen Ockerstalagtiten besonders zwei verschiedene Abbautypen des Schiefers: der versatzlose Thüringer Abbau mit hohen und weiten Abbauräumen - hier freilich nur in einer abgespeckten Version mit Raumhöhen um 10 m zu sehen, obwohl wir uns doch in Thüringen befanden - und den rheinischen Abbau.
Abb.6: Photostopp in einem Thüringer Abbau, Schieferbergwerk Lehesten
Bei letzterem handelt es sich um eine Art Firstenstoßbau, bei der der Bergmann immer auf dem Versatz steht und über sich den Schiefer abbaut. Es entstehen so etwa 20 - 30 m lange, 8 m breite und etwa 3 - 4 m hohe Abbaukammern, die entsprechend dem Versatzanfall stetig in die Höhe wachsen. Ansonsten gab es noch manch ortstypisches Gezähe zu bestaunen und allerlei Grubengerät wie Überkopflader, Lokomotiven usw, die hier seit dem Ende der aktiven Abbauphase vor 2 Jahren herumstehen. Zu guter letzt befuhren wir noch einen recht verockerten Seitenstollen, der an einem etwa 40 m hohen, mit Fahrten versehenen Aufhauen endete. Dieser war zur Erkundung einer Böschungsrutschung im benachbarten Tagebau aufgefahren worden. Befahrungen des Aufhauens finden aber wohl nicht mehr statt, sodaß man sich fragt, wie die zweifellos im Aufhauen befindlichen Meßmarken zur Kontrolle der Rutschung heute wohl kontrolliert werden.
Während der Befahrung begleitete uns auch ein älteres Ehepaar, dessen männlicher Part eine schicke Photoausrüstung mit sehr lichtstarker Lampe bei sich führte. Der Herr animierte uns dann zu einer filmisch dokumentierten Ausfahrt durch den Tagesstollen hinaus ans Licht, auf daß der spätere Besucher ein realistisches Bild der ausfahrenden Besucher sehen möge. Wir sahen zwar in unserem ziemlich angeschmuddelten Putz nun so gar nicht aus wie reguläre Besucher dieses Bergwerkes, aber wir taten dem Herrn den Gefallen - vermutlich werden sich die Betrachter dieses Videos noch in vielen Jahren fragen, wer denn diese verdreckte Schar gewesen ist...
Nach der Ausfahrt in den erfrischenden Nieselregen schloß sich eine beeindruckende Führung durch große Teile der historischen Tagebaue Staatsbruch und Kießlich - beide heute Naturschutzgebiet - an, wobei wir eine Abbauebene nach der nächsten erklommen. Interessant waren dabei sowohl die aus Standsicherheitsgründen sehr sauber behauenen Stösse der Tagebauwände als auch ein Bach, der ehedem zwischen den beiden Tagebauen verlief und diese trennte. Erst in den 50er Jahren hat man den Bach verlegt und die darunter anstehenden Schieferlager abgebaut. Zwischenzeitlich hat man den Wall zwischen den Tagebauen wieder aufgeschüttet und der Bach verläuft wieder in originaler Höhe auf der Schüttungsmasse, um am Ende des Tagebaues in einem historischen, 800 m langen Wasserstollen zu verschwinden.
Von Abbauniveau zu Abbauniveau ging es weiter hinauf, vorbei an so manchem interessanten schwarzen Loch, das wir wohl gerne näher erkundet hätten.... schließlich erreichten wir ein Niveau, auf dem es hübsche Ausblühungen von allerlei Sulfaten gibt. Diese gehen auf den teilweise beträchtlichen Pyritanteil des Schiefers zurück, aus dem sich an trockeneren Überhängen im Laufe der Jahre dicke Krusten von Sekundärmineralien bildeten. Hierbei herrschen neben Gips das Haarsalz Pickeringit sowie Slavikit vor - für die entsprechenden Formeln möge man unser in diesen Dingen sehr bewandertes Mitglied Thomas Witzke fragen. Immerhin, die Ausbeute an Ausblühungen war beträchtlich und manch hübsches Stüfchen Sekundärmineral wurde zur wissenschaftlichen Untersuchung geborgen. Während einige Mitglieder der GAG fleissig pickelten, schauten sich einige andere ein schön schiefern gemauertes Stollenmundloch an, das zu dem ehemaligen Hauptschacht der Grube mit dem noch zu besprechenden Göpel führte.
Abb.7: Göpelhaus in Lehesten
Schließlich erreichten wir den Top des Tagebaues und hier das historische Göpelhaus. Dergleichen gibt es, wie bekannt, nicht mehr allzuviele in Deutschland. Listen wir kurz einmal auf, was es da gibt :
- den Pferdegöpel "Rossgang" in Oberkaufungen bei Kassel, anscheinend der einzige "echt" erhaltene in Deutschland
- der nachgebaute Pferdegöpelbau in Johanngeorgenstadt
- ein händischer Göpel in einem eigenen Göpelhaus in Bad Sulza zum Ziehen von Solerohren
- der Göpel ebenhier in Lehesten
- ein Göpelnachbau im Bochumer Westfalenpark an der Zeche Christine
- Internet machts möglich, den kannte ich noch gar nicht :-)
Von außen sieht dieser Göpel denn auch noch so aus, wie man ihn von historischen Zeichnungen her kennt mit kreisförmiger Rennbahn für die Pferde und dem darangesetztem Schachthaus. Innen freilich weist nurmehr wenig auf die Originaleinrichtung hin - vielmehr prangt in der Mitte der Rennbahn eine originalgetreu erhaltene Dampffördermaschine anno 1890.. Für einige GAG - Mitglieder war dies etwas enttäuschend, da man hier doch einen Pferdegöpel erwartet hatte. Nun ja, eine historische Dampfmaschine ist ja auch etwas Feines und wer einen original erhaltenen Pferdegöpel am Originalstandort sehen will, muß halt nach Oberkaufungen bei Kassel fahren...
Letzter Höhepunkt der ausgezeichneten Führung war die wieder aufgebaute historische Schieferspalthütte, in der wir alle Gelegenheit hatten, den Gebrauch der Spaltwerkzeuge und der Schieferschere kennenzulernen. Ja - man höre und staune - dieses Gestein lässt sich mit einer Schere schneiden und das gar nicht mal schlecht. Darüberhinaus gab es eine größere Ausstellung zum Thema "Gebrauch des Thüringer Schiefers in der Bauindustrie", etliche luftdruckgetriebene Maschinen sowie noch ein paar interessante geologische Schmankerl, zu denen besonders ein großes Kieskalb = eine massive Pyrit - Sphärosideritkonkretion mit etwa 1 m Durchmesser sowie eine wirklich schöne, komplett pyritisierte, tektonische S - Falte zählte.
Da wir am heutigen Abend noch Quartier machen mussten und zum Hohewarthestausee noch ein Stück zu fahren war, drängten einige hungrige Mitstreiter auf Aufbruch, sodaß wir uns nach einer wirklich empfehlenswerten und langen - 5 Stunden ! - Führung magenknurrend von Herrn Liebeskind verabschiedeten. So brausten wir davon und erreichten auch nach etlichen Umwegen eine Feriensiedlung am besagten Stausee, wo Herr Pfefferkorn uns zwei 4 - Bett - Bungalows gebucht hatte, die sinnvollerweise nach Rauchern und Nichtrauchern getrennt wurde. Da wir aber 9 Leute waren, mußte einer auf der Isomatte schlafen, wozu sich der an solche Strapazen gewöhnte Herr Krumrei opferte. Am Abend ging es dann noch in eine Gaststätte mit lokalem Flair zum Essen fassen und anschließend zurück ins Quartier, wo dann dem Gerstensaft heftig zugesprochen wurde. Es sei hier nicht verschwiegen, das das Team vom "Raucherhaus" hier wesentlich heftiger zuschlug und die Stimmung in diesem Gehäuse auch weit besser war als bei den vergleichsweise "drögen" Nikotinabstinenzlern...
Abb. 8 : Gruppenbild mit Dame : Mitglieder der GAG bei der abendlichen Exkursions - Nachbereitung
(in Fachkreisen auch als "Apres - Spel" bekannt)
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