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Seite 1 von 11 Megalithen der Bretagne - Menhire und Dolmen aus dem Neolithikum
von Dr. Thomas Witzke
Megalithische Bauwerke des Neolithikums finden sich von Spanien über
Frankreich, Niederlande, Nord- und Westdeutschland, Skandinavien, Großbritannien
bis hin nach Irland. Die Bretagne in Frankreich ist besonders reich an derartigen
Monumenten. Hier gibt es eine Reihe großartiger und berühmter Anlagen
wie die Alignements bei Carnac, den Grand Menhir oder Barnenez. Viele weitere,
kaum weniger bedeutende Bauwerke und zahlreiche nicht so bekannte, aber genauso
sehenswerte Anlagen sind hier vorhanden. Die Bauwerke finden sich vorwiegend
in den Küstenregionen und etwas spärlicher im Landesinneren.
Das Neolithikum, die Jungsteinzeit, umfaßt in Europa den Zeitraum von
etwa 6000 - 2000 vor der Zeitrechnung. Darauf folgt die Bronzezeit. Die Besiedelung
der Bretagne begann etwa 5000 v.d.Z. durch Bauern, die Landwirtschaft und Viehzucht
betrieben. Die dauerhaften Ansiedlungen ermöglichten die Errichtung von
kultischen Anlagen und Grabmälern, die sowohl einen langen Zeitraum beim
Bau als auch eine größere Personenzahl erforderten. Sicher sollte
die Größe der Monumente auch die Macht der Stämme und ihre
Religiosität bzw. den Wunsch nach göttlichem Beistand und Schutz
bezeugen. Die Fähigkeit, Menhire von rund 300 Tonnen Masse über größere
Strecken zu tranportieren und aufzustellen, einen Cairn wie den von Barnenez
zu errichten oder die Alignements um Carnac mit tausenden von Steinen anzulegen,
zeugt von den großen Fähigkeiten der Menschen der jüngeren
Steinzeit, sowohl bei der Planung und Organisation als auch bei der technischen
Ausführung.
Über das religiöse System ist wenig sicheres bekannt und viel spekuliert
worden. Eindeutig spielen umfangreiche astronomische Beobachtungen eine Rolle.
Die Ausrichtung von Gräbern, Dolmen, Allee Couvertes und Alignements belegen
die genaue Kenntnis der Himmelsrichtungen. Alignements und Steinkreise haben
der astronomischen Beobachtung gedient, auch Menhire könnten zur Anpeilung
von Sternen verwendet worden sein.
Eine zentrale Rolle im religiösen System nehmen Muttergottheiten ein.
In etlichen Grabanlagen gibt es Gravuren mit stark stilisierten Darstellungen
derartiger Gottheiten (oder einer Gottheit). Die Darstellungen sind stark abstrahiert,
zum Teil sind es schildförmige Gravuren mit vervielfältigten Brustpaaren,
zum Teil einfache Rechtecke oder einzelne Brustpaare. Andere Gravuren zeigen
Beilpflüge, Wellenlinien oder abstrakte, komplizierte Darstellungen. Verschiedentlich
werden auch die Menhire, speziell die sorgfältig geglätteten wie
Champ-Dolent oder Kerampeulven, als Phallussymbole gedeutet. In wie weit dies
zutrifft, bleibt offen.
Man darf auch nicht von einem einheitlichen religiösen System während
der ganzen Zeit des Neolithikums ausgehen, auch wenn die Ähnlichkeit der
Bauwerke sowohl räumlich von Spanien bis Irland und Skandinavien als auch über
große Zeiträume dies vielleicht vermuten läßt. Der Abriss
von Menhiren und die Weiterverwendung als Dachsteine von Grabkammern weisen
auf Veränderungen oder Unterschiede hin.
Andererseits sind viele Grabanlagen über lange Zeiträume verwendet
worden. So ergaben Datierungen von Funden aus dem Cairn von Barnenez eine Nutzung
von etwa 4700 bis 2000 v.d.Z.
Der Erhaltungszustand der Monumente ist sehr unterschiedlich. Manche sind
recht gut erhalten, andere Bauwerke haben im Lauf der Zeit starke Zerstörungen
erlitten. Einige wurden wohl schon während des Neolithikums abgerissen
oder verändert, anderes ist während der römischen Zeit zerstört
worden, und viele sind zweifellos auch der Christianisierung zum Opfer gefallen.
Schwere Schäden an vielen Bauwerken hat die Nutzung als billiger "Steinbruch" hervorgerufen.
Die Steine vieler Tumuli und Dolmen dürften sicher in den umliegenden
Häusern verbaut worden sein. Anderes ist zum Bau von Straßen oder
Hafenanlagen verwendet worden. So ist noch um 1950 ein Teil des großen
Tumulus von Barnenez als Steinbruch zum Straßenbau mißbraucht worden.
Schäden an den Alignements um Carnac hat es ebenfalls noch in jüngerer
Zeit durch den Straßenbau gegeben. Spuren moderner Werkzeuge an anderen
Dolmen zeugen ebenfalls von Abrissversuchen. Anlagen mußten Platz für
den Bau von Gehöften und Siedlungen machen, viele "störende" Menhire
sind von Feldern entfernt worden. Kriege verursachen auch immer Schäden
und nehmen meist wenig Rücksicht auf historische Monumente. Ein besonders
krasses Beispiel dürfte der Bau eines Bunkers durch die Deutschen 1943
im (!) Tumulus von Petit Mont bei Arzon sein. Große Schäden sind
auch durch Schatzgräber verursacht worden. Wilde Grabungen haben schwere
Verwüstungen an vielen Bauwerken hinterlassen oder ihre Standfestigkeit
beeinträchtigt, so dass sie später eingestürzt sind. Weiterhin
sind auch Erosion, Stürme, Blitzschlag, Waldbrände und Vegetation
als Verursacher von Schäden zu nennen. Nicht zuletzt müssen aber
auch die Besucher der Anlagen erwähnt werden. So mußten die Alignements östlich
von Carnac eingezäunt werden, das der ständige Strom an Besuchern
die Standfestigkeit der Menhire beeinträchtigte.
Bei dieser Aufzählung erstaunt es fast, dass so viele Anlagen überdauert
haben. Zum Glück konnten etliche noch rechtzeitig unter Schutz gestellt
werden. Zu erwähnen sind auch die langjährigen Rekonstruktionen einiger
Monumente, die es erlauben, sie jetzt wieder in ihren weitgehend ursprünglichen
Zustand zu sehen. Die Anlage von Barnenez nördlich von Morlaix, Le Petit
Mont bei Arzon und das Ensemble von Table des Marchand, Tumulus von Er Grah
und Grand Menhir sind umzäunt und können gegen Eintritt besichtigt
werden (beim Besuch dieser Anlagen muß man auch an die langen Mittagspausen
in Frankreich denken !). In begrenztem Umfang finden Führungen in die
Alignements von Carnac und den Tumulus von Gavrinis statt. Fast alle anderen
Anlagen sind öffentlich ohne Beschränkungen zugänglich. Sie
machen im allgemeinen auch eine sehr gepflegten Eindruck. Erstaunlich und sehr
erfreulich ist, dass nahezu kein Müll herumliegt (lediglich an zwei Anlagen
war etwas zu sehen). Es hat sich inzwischen offenbar auch das Bewußtsein
in der Bevölkerung für diese Monumente verändert. Viele sind
recht gut ausgeschildert und mit Tafeln mit Erklärungen in französisch,
deutsch, englisch und bretonisch versehen. Andere Monumente liegen sehr versteckt
und sind schwierig zu finden.
Die hier vorgestellten megalithischen Anlagen aus der Bretagne stellen natürlich
nur einen kleine Teil der vorhandenen dar. Viele weitere hätte ich gerne
auch noch gesehen, aber die begrenzte Zeit erlaubte es nicht.
Sehr empfehlenswert ist die folgende Literatur, aus der auch viele Angaben
für die folgenden Texte entnommen wurden:
Jacques Briard (2000): Die Megalithen der Bretagne.- Editions Jean-Paul Gisserot.
© alle Fotos: Thomas Witzke.
Einige Begriffserklärungen Menhir Ein senkrecht stehende Stein. Menhire können einzeln, in Gruppen, Linien, Kreisen, Ovalen, Rechtecken oder anderen Anordnungen stehen. Sie können unbearbeitet oder geglättet und auch mit Gravuren versehen sein. Alignement Eine Anlage aus reihenförmig aufgestellten Menhiren. Es gibt Alignements aus nur einer Reihe und Alignements aus mehreren, parallelen Reihen. Cromlech Steinkreis, Anordnung von Menhiren in einem Kreis. Dolmen Megalithisches Grabmal aus Steinplatten oder Blöcken. Die Formen können sehr unterschiedlich sein. Die Formen können sehr unterschiedlich sein. Es gibt einfache Dolmen, die nur aus einer Kammer aus Steinplatten oder -säulen bestehen und mit ein bis zwei Deckplatten versehen sind. Daneben gibt es aufwendiger gebaute Dolmen mit einem Gang, der meist niedriger als die Grabkammer ist. Der Gang kann gerade oder geknickt verlaufen. Es können eine oder mehrere Grabkammern vorhanden sein. Als weitere Elemente können ein Vorraum und ein Portikus vorhanden sein. Viele Dolmen waren von einem Tumulus bedeckt. Der Tumulus kann aus Steinen oder Erde oder beidem bestehen und den Dolmen komplett oder zum Teil bedecken, z.B. kann die Deckplatte aus den Hügel herausschauen. Allee Couverte Eine langgestreckte Grabanlage aus Steinplatten gleicher Höhe. Eine durch eine Steinplatte abgetrennte Schlusskammer oder Ausbuchtungen können vorhanden sein. Tumulus Bezeichnung für einen Grabhügel aus Stein, Erde oder aus beidem. Ein Tumulus kann Ganggräber (Dolmen), abgeschlossenen Grabkammern ohne Zugang oder einfache Gräber bedecken. Die Größe kann sehr unterschiedlich sein. Es gibt kleine von wenigen Metern Durchmesser bis hin zu Anlagen von über 100 Metern Abmessung. Cairn Eine Einfassung oder Bedeckung eines oder mehrerer Gräber mit Bruchsteinen (vgl. Tumulus). Ein Cairn kann eine kleine, recht unauffällige, aber auch eine große, komplizierte Anlage sein. Parement Eine Konstruktion aus losen Steinen oder Steinplatten zur Befestigung eines Cairns, oft durch etwas größere Steine. Portikus Eingang einer Grabanlage aus zwei senkrechten Pfeilern und einer darüber liegenden waagerechten Platte. Tholos Eine runde, ofen- bis zwiebelturmförmige Grabkammer in einem Cairn. Megalithen in Morbihan
Alignements bei Carnac Die wohl bekannteste megalithische Anlage in der Bretagne stellen die Alignements um Carnac dar. Viele Touristen kennen nur die Felder mit den Steinreihen unmittelbar bei Carnac oder werden mit Bussen dorthin gefahren. Dabei stellt sich die komplette Anlage als ein großes, etwa V-förmiges Ensemble mit einem sich bis Kerlescan in östliche Richtung erstreckenden Flügel und einem bis Kerzerho kurz vor Erdeven erstreckenden westlichen (oder besser nordwestlichen) Flügel dar. Um einen wirklichen Eindruck von dem gewaltigen Monument zu bekommen, sollte man sich alles ansehen. Erst dann bekommt man tatsächlich ein Gefühl für die gigantische Anzahl an aufgerichteten Steinen. Die Anlage diente vermutlich kalendarischen Zwecken. Im Feld von Le Menec wurde eine Ausrichtung nach den Auf- und Untergängen zu den Sonnenwenden im Sommer und Winter festgestellt. Nicht abwegig erscheint auch die Meinung, dass jeder Menhir einen Ersatzleib für eine Totenseele darstellt. Die Anlage wurde um 4000 - 3000 v.d.Z. errichtet. Die Alignements zwischen Carnac und Kerslescan wurden zum Schutz eingezäunt und sind jetzt nur noch für kleine, geführte Besuchergruppen und die hier weidenden Schafe zugänglich. Dem Ansturm von 600.000 bis 800.000 Besuchern pro Jahr war die Anlage nicht gewachsen. Die Standfestigkeit der Menhire war beeinträchtigt, die Anlagen waren kreuz und quer von Trampelpfaden durchzogen und größere Flächen waren völlig frei von Bewuchs. Die Vegetation zwischen den Steinreihen hat sich inzischen weitgehend erholt und man kann jetzt über den Zaun auch Fotos ohne störende Personen zwischen den Steinen machen. Einige Teile dürfen außerhalb der Saison zwischen dem 1. Oktober und 1. April frei betreten werden. In den anderen Feldern wird gegenwärtig experimentiert, die Vegetation durch Mähen und Schafhaltung zu kontrollieren, so dass sie einerseits den Boden stabilisiert und andererseits den Blick auf die Monumente nicht behindert. Geplant ist auch, rund um die Anlagen Wander- und Fahradwege anzulegen. Gegenwärtig muss man auf der Südseite am Straßenrand laufen, da hier keine Wege vorhanden sind. Das Feld bei Kerzerho ist das ganze Jahr offen und zugänglich, es wird aber auch bei weitem nicht so stark von Besuchern frequentiert.  Bild 001. Plan der Alignements östlich von Carnac.
Alignements von Kerlescan Kerlescan stellt nach den in einem Wäldchen befindlichen Reihen von Le Petit Menec den nordöstlichen Beginn der Anlagen des östlichen Flügels der Alignements von Carnac dar. Es sind 13 Reihen vorhanden, die sich über 355 m Länge erstrecken. Im Westen ist ein sehr schönes, nahezu quadratisches Steingehege von 78 x 74 m Größe erhalten. Die Größe der Steine nimmt von Ost nach West zu, es ist also empfehlenswert, bei einer Besichtigung der Anlage ganz am östlichen Ende zu beginnen.  Bild 002. Alignements von Kerlescan, Blick in Richtung West.
 Bild 003. Alignements von Kerlescan, Blick in Richtung West.
 Bild 004. Alignements von Kerlescan.
 Bild 005. Alignements von Kerlescan.
 Bild 006. Alignements von Kerlescan, das Steingehege.
Alignement von Le Manio Westlich an Kerlescan schließt sich ein kleineres Feld mit Steinen an, das Alignement von Le Manio. Die Steine sind alle relativ klein.
 Bild 007. Alignements von Le Manio.
Alignement von Kermario Weiter in westlichwe Richtung schließt sich das langgestreckte Alignement von Kermario an. Die Anlage zeigt in 10 bis 12 Reihen auf einer Länge von 1,2 km 982 Steine. Auch innerhalb dieses Feldes werden die Steine von Ost nach West größer. Inmitten des Feldes befindet sich ein Aussichtsturm aus napoleonischer Zeit, von dem aus die Anlage recht gut zu überblicken ist. Wie bei Kerlescan war auch hier ein Steingehege vorhanden, das ist jedoch nicht mehr erhalten. Es befand sich an der Stelle des heutigen Parkplatzes am westlichen Ende des Feldes. Im Osten gibt es die Reste eines Megalith-Kreises. Am westlichen Ende des Alignements befindet sich ein Dolmen, der separat beschrieben wird.
 Bild 008. Alignements von Kermario, Blick in Richtung Ost.
 Bild 009. Alignements von Kermario, Blick in Richtung Ost vom Aussichtsturm.
 Bild 010. Alignements von Kermario, Blick in Richtung West.
 Bild 011. Alignements von Kermario, Blick in Richtung West.
 Bild 012. Alignements von Kermario.
 Bild 013. Alignements von Kermario, eine Gruppe von großen Menhiren.
 Bild 014. Alignements von Kermario.
 Bild 015. Alignements von Kermario.
 Bild 016. Alignements von Kermario.
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