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Home arrow Publikationen arrow Befahrerhandbuch arrow 6 Das Bergwerk - die Welt unter Tage. Was erwartet einen?

6 Das Bergwerk - die Welt unter Tage. Was erwartet einen? Drucken E-Mail
Geschrieben von Maja Bürger und Georg Leupoldt   
Donnerstag, 18. November 2004

6.1.3  Schächte

Schächte sind mehr oder weniger vertikal verlaufende schlauchartige Grubenräume. Nach ihrer Lage zur Tagesoberfläche, ihrer Vortriebsrichtung und technischen Bestimmung unterscheidet man zunächst grob in Tagschächte oder Tagesschächte (mit Tagesöffnung) und Blindschächte (ohne Tagesöffnung); die Blindschächte werden nach ihrer Vortriebsrichtung als Überhauen (auch: Aufhauen, von unten nach oben vorgetrieben) und

Gesenke (auch: Abteufen, von oben nach unten vorgetrieben) unterschieden. In Kunstschächten befanden



Abbildung 14: Schächte: Begriffe

 

1) seigerer Richtschacht; 2) tonnlägiger Schacht im Gangeinfallen; 3) Gesenk (kleiner Blindschacht); 4) Ausstrich des Erzganges über Tage; 1) und 2) Tagesschächte



 sich Einrichtungen zur Wasserhebung, in Treibeschächten wurde gefördert. Diente ein Schacht mehreren Zwecken (häufig: Kunst- und Treibeschacht), war er oft in durch Vertonnungsbretter (Holzkonstruktionen) oder Schachtscheider (Mauern) in mehrere Trümer (Schachtabschnitte mit unterschiedlicher Funktion) unterteilt, häufigstes Beispiel: Fördertrum und Fahrtentrum. Als Durchschnittschacht bezeichnet man einen größeren Verbindungsschacht zwischen zwei Sohlen, meist zur Förderung oder Fahrung, ein Richtschacht ist ein lotrecht geteufter Schacht. Schächte können seiger (auch: Saiger, senkrecht), Tonnlägig (schräg mit 85° bis 45° Neigung gegen die Horizontale) oder flach (schräg mit 40° bis 15° Neigung) einfallen. Im ältesten Bergbau trifft man mancherorts sogenannte Stufenschächte an; diese tonnlägigen Schächte besitzen, bedingt durch die angewandte Vortriebstechnologie (Schlägel und Eisen; von oben nach unten) in ihrem Liegenden Stufen (manchmal nur angedeutet, siehe auch Abbildung 63) über einen Teil oder die ganze Breite des Schachtes. Ebenfalls im Altbergbau häufig sind abgesetzte Schächte, sie sind in ihrer Bedeutung für den Grubenbau als durchgehender Schacht zu interpretieren, wurden jedoch wegen der beschränkten beherrschbaren Seillänge am Haspel (15 bis 40 m) in wenige Meter gegeneinander versetzte Teilstücken gegliedert (Abbildung 13), die oft gleichzeitig Abbauniveaus kennzeichnen.

6.1.4  Noch mehr Fachjargon

Jeder Ort im Bergwerk wird vom Bergmann auch als Ort bezeichnet. Ort alleine steht meist für den Punkt, an welchem gearbeitet wird. Eine Strecke geht vor Ort, wenn sie im festen Gestein endet, das heißt wenn sie nicht weiter getrieben wurde, das Ende heißt auch Ortsbrust. Ansonsten gibt es typisch Füllort (der Ort, wo die Fördertonne (Tonne oder Kübel) gefüllt wurde, also an der Verbindung zwischen Strecke und Schacht), das Haspelort als Standort des Haspels, den Abort und so weiter. Die Sohle ist der „Fußboden“ eines unterirdischen Hohlraumes, die Firste seine „Decke“, die Wände werden als Stöße bezeichnet. Wetter nennt man die Luft im Bergwerk, entsprechend Bewetterung die Belüftung, matte Wetter bedeuten „dicke Luft“. Ein Mundloch ist eine Öffnung nach über Tage, das Geleucht die Lichtquelle des Bergmanns. Letten steht für Lehm.

6.2  Technische Einrichtungen und ihre Standorte

Standorte technischer Einrichtungen sind alle Grubenbaue, die zur Errichtung einer Maschine aufgefahren wurden. Dazu gehören Radstuben (Standorte von Wasserrädern, im nichtsächsischen Sprachraum auch Radkammern), Räume für Wassersäulenmaschinen, Turbinen- und Pumpenkammern, Haspelorte und andere. Die dort befindlichen technischen Einrichtungen wie auch die Hinterlassenschaften jüngerer Betriebsperioden, wie Hunte (Förderwagen), Kippgestelle und Gleise, Lüfter und Lutten (Lüftungsrohre zur Bewetterung), Elektroschalttafeln und vieles mehr verdienen Beachtung. Zugänglich sind diese Baue meist über Strecken und Schächte, selten befinden sie sich im Abbau. Gemeinsam ist allen, daß sie in unmittelbarer Schachtnähe zu finden sind. Die Dokumentation solcher Standorte oder vielleicht sogar noch vorhandener Maschinen ist ein wichtiger Bestandteil einer bergbauhistorischen Aufnahme, deshalb soll dort möglichst wenig verändert werden!



Abbildung 15: Sprachrohr

  Foto: privat

Im frühen Wismut-Bergbau wurden häufig Sprachrohre zur Verständigung zwischen verschiedenen Füllorten in Schächten eingesetzt



Radstuben und Räume für Wassersäulenmaschinen erreichen zum Teil eine beachtliche Größe, 15 m Höhe (und mehr!) sind durchaus üblich. Falls man nicht sowieso über einen Schacht dahin kommt, beachtet man die Sicherungsregeln wie bei offenen Schächten und Abbauen. Vom Wellenort (Mitte) der Radstube gehen manchmal separate Gestängeschächte nach oben und unten, die vom eigentlichen Schacht getrennt sind. Auch bei anderen Maschinenstandorten kann man zuweilen aus der Funktion auf das Vorhandensein und die Lage weiterer Baue schließen, die man zum Weiterkommen nutzen kann.

Noch vorhandene Wasserräder dürfen nur vorsichtig angefaßt werden, und das nicht nur aus Denkmalschutzgründen. Oft hält sie nur noch Siemens-Lufthaken zusammen oder der Berggeist demonstriert dem innen hochlaufenden Befahrer, wie ein Hamstertretrad funktioniert. Achtgeben muß man gleichfalls bei noch vorhandenen Einbauten auf lose hängende Maschinenteile (Rohre, Gestänge und so weiter), die zuweilen nur darauf warten, einem Befahrer auf den Kopf fallen zu können. Sicherungsarbeiten, die nicht der Herstellung gefahrloser Befahrungsmöglichkeiten dienen und nur den weiteren Verfall unterbinden sollen sind, wenn eine Anlage nicht museal genutzt werden soll, ohnehin schwer durchführbar und nach Meinung der Verfasser verfehlt, genauso wie sinnloses Bereißen oder das Abbauen und Mitnehmen von Teilen, die an die Anlage gehören (ausgenommen herumliegende Ersatzteile). Man soll das Denkmal akzeptieren wie es ist, auch seinen meist nicht aufzuhaltenden Verfall; dieses gilt für alle untertägigen Gegebenheiten, nicht nur für Maschinen! Der Dokumentation des Ist-Zustandes einer Anlage und die dazugehörigen Studien am Archivgut bilden die Grundlage einer bergbauhistorischen Dokumentation, aus der dann die Rekonstruktion der Funktionsweise einer Maschinenanlage mit vielen technischen Details möglich wird. Eine gute Übersicht über technische Einrichtungen und deren Standort gibt zum Beispiel [12].





Abbildung 16: Arbeit mit Schlegel und Eisen

Links) Arbeit mit Schlegel und Eisen, Darstellung aus Georgius Agricola;

Oben) Vortriebsrichtung und Lage der Prunen beim auffahren einer Schlägelstrecke

Links) Georgius Agricola, Reproduktion aus [12]



6.3 Arbeitsspuren und Gerätschaften

Die bergbauliche Tätigkeit hinterläßt eine Menge Spuren, die sich an Firste und Stößen wiederfinden und auf ganz leichte Weise Rückschlüsse zulassen. Ein typisches Beispiel sind die Prunen (Brunen, Prunnen, ...), die Spuren des Eisens bei der Schlägelarbeit. An ihrer Ausrichtung läßt sich die Vortriebsrichtung ablesen, Abbildung 16.

Ebenfalls im alten Bergbau finden sich gelegentlich Lampennischen, in denen der Frosch (eine offene Öl- oder Fettlampe), eine Schalenlampe oder der Kuckuck stand (ein Kuckuck ist Ölkännchen mit Deckel und Docht, als „Leuchtmittel“ in einer Lampennische oder eingebaut in ein Holzgehäuse mit Reflektor, einer sogenannten Blende). Bisweilen findet man einen Lehmklumpen am Stoß, der als Kienspanhalter diente, und nicht weit entfernt die dazugehörigen Kienspäne (Abbildung 17).







Abbildung 17: Ein Lehmklumpen als Kienspanhalter, unweit davon die Kienspäne

Fotos: privat



Im jüngeren Bergbau lassen sich dagegen oft Reste von Bohrlöchern erkennen, mit Durchmessern bis 6 cm aus der Anfangszeit des Schießens (Sprengens) bis in den modernen Bergbau mit Durchmessern um 3 cm (Abbildung 18).



Abbildung 18: Bohrlochformen

 

a) mit Hand gebohrtes Bohrloch zum Schießen mit Pulver; b) wie a), der gezeichnete kleinere Innendurchmesser stammt vermutlich vom Vorbohren, was nur selten vorgefunden wird; c) mit der Maschine gebohrtes Loch zum Schießen mit brisanten Sprengstoffen; d) unrunde Querschnittsformen allgemein durch Unzulänglichkeiten beim Umsetzen des Meißels, hier abgebildete Form und Größe typisch für eine Vertikalbohrmaschine der Anfangszeit solcher Maschinen


Noch größere Bohrlöcher in vertikaler Richtung deuten auf das Einkommen einer Erkundungsbohrung hin. Sind Prunen und Bohrlöcher kombiniert, kann es sich um das Nachreißen (Vertiefen, Erweitern allgemein) einer alten Stecke oder aber um Nacharbeiten von Hand an einer geschossenen Strecke handeln. Bohrlöcher mit unrundem Querschnitt sind von Hand oder mit einer alten Maschine gebohrt.



Abbildung 19: Laufbahn für Spurnagelhunt

Maßangaben in cm. Nicht verwechseln mit normalem Tragwerk! Weitere wichtige Merkmale: Einlaufspruren, gleichmäßig parallele Lage über lange Strecken und dickere Bretter als gewöhnlich



Treten in einem sonst geraden Streckenverlauf plötzlich starke seitliche und/ oder Höhensprünge auf, ist man möglicherweise an einem Durchschlag einer im Gegenortbetrieb (von zwei Seiten aus) aufgefahrenen Strecke gelandet. Der dabei aufgefahrene Bogen ist Absicht und kein Fehler des Markscheiders! Durch die Richtung der Bohrlöcher oder der Prunen kann man dies nachprüfen. An so einem Punkt sperrt man die Augen bezüglich Markscheiden, Stufen und Jahreszahlen besonders auf!



Abbildung 20: Schleifspuren des Treibeseils im Hangenden eines Schachts

 

Detail mit Erläuterungen aus einem unveröffentlichten Bericht

 


Bei genauerem Hinsehen ent­deckt man bisweilen noch ganz andere Sachen, beispiels­­weise die in Abbildung 20 gezeigten Schleif­spuren des Haspel­­­seils am Stoß.



Abbildung 21: Haspel, Wismut um 1950

  Foto: privat



 



Abbildung 22: Spankorb

  Foto: privat

 
     


Wesentlich seltener als solche Arbeits­spuren findet man noch vorhandene Gerätschaften, wie Spankörbe (Abbildung 22), Krüge und Schalen, Berg­eisen und Fimmel (Schlegel, der Holzstiel heißt auch Helm) aus dem ganz alten Bergbau, da diese Dinge natürlich für die Besitzer wertvoll waren und nicht ohne Not in der Grube gelassen wurden. Ein altes Geleucht (bergmännisch für Lampe) zu finden ist ein unwahrscheinlicher Glückstreffer. Aber auch die Laufbahnen für



Abbildung 23: Kerbhölzer? Maßstäbe?

  Foto: privat



Spur­­nagel­hunte (Abbildung 19), Wasserröhren (Abbildung 24), Haspel (Abbildung 21), Kerbhölzer (Abbildung 23) und so weiter wurden schon in alten Bauen des Erzgebirges gefunden. Öfter Glück hat man mit Flaschen, Karbidlampen und Gezäh (Arbeitsgeräten) aus dem Wismut-Bergbau. Alle diese Dinge, wenn sie denn erst einmal erkannt sind, sollten mit Vorsicht behandelt und lieber für eine weitere Befahrung liegengelassen als durch Hast zerstört werden. Zu Dokumentation und Bergung gibt’s weiteres in Kapitel 10.7.



 
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