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14 Montanspeleologische Techniken Drucken E-Mail
Geschrieben von Maja Bürger und Georg Leupoldt   
Donnerstag, 25. November 2004

14.1 Die Einseiltechnik

Wir können im Umfang dieses Hefts keine umfassende Darstellung der Seiltechnik mit allen Finessen bringen. Davon abgesehen, daß wir auch nicht alles wissen, ist das Thema zu umfangreich für die gedrängte Darstellung in einem Handbuch. Vorgestellt werden bewährte, anerkannte Standardmethoden, die eine Bewältigung aller auftretenden Situationen zulassen, wenn es auch im Einzelfall elegantere Lösungen als die vorgestellten geben mag. Wir verweisen ausdrücklich auf die weiterführenden Informationen in zahlreichen Büchern, die sich sehr anschaulich und umfangreich diesem Thema widmen. Dies trifft insbesondere auf Spezialtechniken zur Verletztenbergung zu, auf die hier nicht eingegangen wird. Empfehlen können wir zum Beispiel die Literatur [1], [40].

Unbedingt notwendig ist das Studium der Bedienungsanleitungen der verwendeten Ausrüstungsteile. Die hier gegebenen allgemeinen Darstellungen können die speziellen Hinweise zu den konkreten Gerätschaften nicht ersetzen! Anschauliche Darstellungen sind in den Produktunterlagen der Firma Petzl enthalten (ein Teil der Abbildungen im Heft stammt von dort), auch der Katalog bietet manchen wertvollen Tip, ebenfalls die Internetseite, siehe Kapitel 17.6.5.

Wenn hier mehrfach auf Produkte der Firma Petzl verwiesen wird, heißt das im übrigen nicht, daß wir unter Vertrag stehen, sondern Petzl ist einfach ein Marktführer in Sachen Speleoausrüstung, hat die technische Entwicklung entschieden beeinflußt und Standards gesetzt. Deswegen können Produkte anderer Hersteller genauso gut oder besser sein.

Es ist prinzipiell möglich, sich die Seiltechnik selbst anzueignen, zunächst in Trockenübungen über Tage, dann bei kleineren Touren unter Tage beginnend. Das ist jedoch der schwierigere Weg. Einfacher hat es, wer sich die nötigen Handgriffe zeigen lassen kann.

14.2 Historische Entwicklung der Seiltechnik

Die Seiltechnik in der in der Altbergbauforschung eingesetzten Form entwickelte sich weltweit parallel etwa ab Ende der 60iger Jahre in Gebieten mit großer Höhlendichte. Daraus resultieren regionale Unterschiede zwischen den zum Beispiel in den USA, Australien oder Europa eingesetzten Systemen. Für die Entwicklung in Europa war die Entwicklung in Frankreich als einem Land mit großer Höhlenforschertradition ausschlaggebend, eng verknüpft mit dem Namen Petzl. Da die im Altbergbau eingesetzte Seiltechnik identisch mit der in der Höhlenforschung üblichen ist, sind deren Lehrbücher 1:1 verwendbar und man wird im folgenden auch immer wieder über speziell für die Höhlenforschung (Speleologie) entwickelte Geräte stolpern, die sich von denen fürs Freiklettern unterscheiden.

Im Gegensatz zum Klettern über der Erde steht der sportliche Aspekt bei der Altbergbauforschung völlig im Hintergrund, es kommt ausschließlich auf die sichere Bewältigung gegebener Schwierigkeiten an. Wenn es einen eleganten und einen weniger eleganten, aber sichereren Weg gibt, wählt man den sichereren. Wem es um sein Image als Extremsportler geht - keine Sorge, es bleibt auch so genug übrig.

Alles begann mit dem Einsatz von Strickfahrten (Strickleitern), mit denen kurze vertikale Distanzen gut überwunden werden können, die einfach in der Handhabung sind und keine zusätzliche Spezialausrüstungen erfordern. Man ging dazu über, auch größere Distanzen bis 100 m mit Strickleitern zu überwinden und stieß rasch an die Grenzen dieser Technik. Der Aufsteig an der schwankenden Leiter ohne Zwischenaufenthalt über solche Strecken ist sehr kräftezehrend und ermüdend, Reflexreaktionen nach Steinschlag können Absturz zur Folge haben. Man sicherte daher den Steigenden zunächst mit einem Sicherungsseil. Dieses konnte, mit den aus dem Alpinismus bekannten Hilfsmitteln, natürlich gleich zum Abseilen verwendet werden. Nach kurzer Zeit wurde dann auch mit mechanischen Hilfsmitteln aufgestiegen - die Seiltechnik war „erfunden“. Die heute übliche Variante firmiert als Einseiltechnik (es wird nur ein Seil verwendet, kein Doppelseil), englisch Single Rope Technic - SRT.

14.3 Allgemeine Hinweise zum Material

Ein paar allgemeine Tips lassen sich zum Material abgeben. Im Bergbau wird generell das gleiche Material wie in der Höhlenforschung verwendet. Ein Unterschied beeinflußt jedoch die Wahl: In der Höhle vorkommende Wässer sind selten chemisch aggressiv, im Bergbau ist das die Regel. Daher sollte man, hat man die Wahl, auf Edelstahl oder Titan statt Aluminium zurückgreifen. Natürlich fault kein Alukarabiner während der Befahrung durch, aber angeätzt ist er recht schnell. Besonders bei Festinstallationen (Bohrhaken, Laschen in häufig befahrenen Schächten und dergleichen) sollte man daher zu Edelstahl anstatt Alu und Stahl greifen. Das Mehrgewicht spielt gegen die ohnehin transportierten Kilo Schlamm keine Rolle.

Auch in Beziehung auf das Seilmaterial ist Vorsicht angeraten – jüngstes Praxisbeispiel ist eine Strickfahrt, die etwa ein viertel Jahr in einem gewöhnlichen Schacht hing und deren Reepschnüre bei der folgenden Befahrung rissen. Eine Analyse der dortigen Grubenwässer ergab einen pH-Wert von 3!

Weiterhin sollte jedes Ausrüstungsteil in jeder Situation unverlierbar befestigt werden können (besonders wichtig für die Seiltechnik-Gerätschaften) und möglichst unkompliziert bedienbar sein, idealer Weise mit nur einer Hand. Zum Beispiel sind Seilklemmen, die man zum Seileinlegen auseinanderschrauben muß und anschließend wieder zusammenfummeln darf, nur zum Wegwerfen geeignet. In ähnlicher Weise unbrauchbar sind Multifunktionsgerätschaften mit diversen Hebelchen - lieber zwei bewährte, unkomplizierte Einzelgeräte.

14.4 Strickfahrten (Strickleitern)

Wie gerade beschrieben, sind Strickfahrten für kurze Distanzen gut geeignet: Man benötigt keine zusätzliche Spezialausrüstung und hat, wenn es sich um wenige Meter handelt, auch ein geringeres Gewicht zu tragen, als wenn jeder in der Gruppe seine persönliche Seilausrüstung mitbringen muß. Zudem kann man gegenüber dem doch etwas umständlichen Gebastel mit der Seiltechnik auch Zeit sparen - immer auf kurze Distanzen bis etwa 15 m gesehen. Darüber hinaus werden die Vorteile schon zweifelhaft, von Sicherheitsfragen ganz zu schweigen.

Gestiegen wird auf der Strickfahrt so, daß man möglichst wenig an den Armen hängt. Dazu wird abwechselnd ein Fuß normal von vorn und der nächste von hinten auf die Sprosse gesetzt, wie in Abbildung 129 dargestellt. Auch der Schub nach oben sollte tunlichst aus den Beinen kommen, die Arme dienen nur zum Halten des Gleichgewichts. In tonnlägigen Schächten dreht man die Strickfahrt so, daß sie senkrecht zum Liegenden zu stehen kommt, sonst hat man Schwierigkeiten mit dem Hineingreifen und -treten.

Abbildung 129: Richtiges Steigen auf einer Strickfahrt

Die käuflichen Stahlseilleitern sind relativ teuer, mit etwa 20 DM/m muß man rechnen. Dafür ist man sicher, was die Tragfähigkeit betrifft, und hat noch ein paar Extras, die man beim Eigenbau in der Regel nicht hinbekommt. So kann man die Fahrten mittels der sogenannten „Hadesringe“ beliebig verlängern (Abbildung 130).

Der Eigenbau von Strickfahrten bis etwa 10 m Länge ist mit Reepschnur noch ganz gut machbar, die für das „Hochnageln“ in Schächten hilfreichen „Fifis“ (kurze Strickfahrten) von 2,00 m bis 2,50 m Länge wird man sich ohnehin selbst fertigen (vergleiche Kapitel 14.8.3).

Abbildung 130: Hadesringe zum Verbinden von Strickfahrten

Das verwendete Seilmaterial soll die auftretenden Lasten aufnehmen können und möglichst wenig Dehnung aufweisen. Für den Mantel ist eine hohe Scheuerfestigkeit erforderlich, da er sich sonst schnell an den Sprossenkanten durchreibt. Optimal ist Kevlar, aber auch sehr teuer. Eingesetzt werden vorzugsweise statische Reepschnüre von 5 mm Durchmesser, die einzeln eine Bruchlast von rund 550 kg aufweisen. Das erscheint etwas hoch gegriffen, aber so kann man davon ausgehen, daß auch bei eingetretener leichter Beschädigung (die äußerlich oft nicht einmal sichtbar ist) noch ein einzelner Seilstrang das gesamte Gewicht des Befahrers sicher trägt, falls der andere gerissen ist oder die Leiter auch nur einseitig belastet wird. Zudem liegt die Reepschnur in Knotenbereich in einem ziemlich engen Biegeradius, was die Bruchlast um 20...40 % herabsetzen kann. Auch beim Lauf über eine Kante treten engen Biegeradien auf. Wer gern etwas sinnlos riskiert oder wem der Groschen je Meter Reepschnur gegenüber der 4 mm Reepschnur zu schade ist, der kann auch diese einsetzen, die Bruchlast liegt in diesem Fall bei 350 kg und man hat viel schwerer gegen die Seildehnung zu kämpfen.

Als Sprossenmaterial geeignete starke Aluminiumprofile erwischt man oft im Bunt­metallschrott als Abfallprodukt der Fensterherstellung. Die Biegefestigkeit kann man mit den einschlägigen Formeln der Mechanik nachrechnen oder am besten ausprobieren. Zum Probieren fertigt man eine Sprosse in der geplanten Weise, hängt sie mit Reepschnüren wie in der fertigen Leiter auf und belastet sie mittig mit etwa 200 kg. Da beim Benutzen der Strickfahrt, die nur statisch belastet wird, keine höheren Kräfte auf die Sprosse wirken werden, kann man sie, wenn keine Verformungen eingetreten sind, unbedenklich einsetzen. Garantien kann natürlich bei einem solchen Selbstbau keiner übernehmen.

Die Druckfestigkeit des Sprossenmaterials spielt beim Selbstbau mit Reepschnüren eigentlich keine Rolle. Die Sprossen werden abgelängt (eine Breite von 15 cm zwischen den Seilen ist das Minimum) und gebohrt. Die Bohrungen sollten nur geringfügig größer sein (etwa 0,5 mm) als der verwendete Seildurchmesser. Es ist besonders wichtig, die Bohrungen sauber zu entgraten, um jede mögliche Scheuerstelle zu vermeiden. Es gibt auch fertige Sprossen zu kaufen (zum Beispiel bei Speleo Innovations).

Die Sprossen werden aufgefädelt und oben und unten durch einen Knoten gesichert. Der obere Knoten ist nicht unbedingt erforderlich, aber für ein besseres Handling der fertigen Leiter empfehlenswert. Die Sprossen bekommen einen Abstand von 30...35 cm. Es macht immer Schwierigkeiten, den Knoten auf beiden Seiten der Sprosse gleich hoch zu plazieren, so daß die Sprosse zum Schluß nicht schief steht. Um das zu erreichen, knotet man zuerst die oberen Schlaufen (Augen) an jeden Seilstrang (Achterknoten, Abbildung 134), hängt beide Augen in einen Karabiner und zieht die Seilstränge straff. Einfach geht das zum Beispiel, wenn man die beiden unteren Enden verknotet (oder noch als Schlaufe läßt), sie an einem Pfahl festlegt und mit der Abschleppöse am Auto die andere Seite straff zieht. Nun markiert man beide Stränge parallel im gewünschten Abstand (+1 cm für jeden Knoten) und schlägt die Knoten (einfache Sackstiche) dann so, daß die Markierung immer an der selben Stelle des Knotens zu sitzen kommt.

Vor dem Einsatz im Bergbau sollte man nochmals draußen testen, am besten mit einem Seil gesichert. Nach jedem Einsatz werden die Strickfahrten, wie überhaupt jeder Ausrüstungsgegenstand, auf Beschädigungen durchgesehen und unbrauchbar gewordenes Material aussortiert - auch wenn’s schwerfällt.

Prinzipiell kann man natürlich auf diese Weise beliebig lange Fahrten bauen. Zum einen ist aber die Absturzgefahr zu bedenken, zu anderen spielt man schon auf einer 10 m-Reepschnurfahrt infolge der Seildehnung heftig Jojo. Bei außermittiger Belastung zieht sich die Fahrt ganz schnell schief, wodurch man noch mehr auf die Seite rutscht...

Diese Effekte werden mit einer Stahlseilleiter, bei welcher das Seil sich fast überhaupt nicht dehnt, natürlich vermieden. Die Möglichkeiten zum Eigenbau sind aber begrenzt. Die Bruchlast des verwendeten Stahlseils (im Normteilehandel erhältlich oder im Baumarkt) sollte bei mindestens 500 kg liegen, es muß mindestens verzinkt sein. Für die Sprossen gilt das oben gesagte, allerdings sollte man hier die Druckfestigkeit des Materials an der Auflagestelle der Sprossen nachrechnen und, falls erforderlich, Scheiben zwischenlegen. Das Knoten von Stahlseilen ist generell nicht zu empfehlen, da dabei die Bruchlast unkontrollierbar heruntergesetzt wird. Die oberen und unteren Aufhängungen werden mittels Seilkauschen gebildet, für die Befestigung der Sprossen bietet sich das Auflöten oder das Aufpressen von Hülsen an. Auflöten kann man Hülsen aus dünnem Kupfer- oder Messingrohr (im Baumarkt erhältlich) mit einem starken elektrischen Lötkolben. Auch dabei ist es vorteilhaft, die fertig aufgefädelte Strickfahrt zwischen Pfahl und Auto waagerecht straff zu spannen. Aufgepreßt werden Stahlhülsen mittels einer speziellen Presse. Hat man die nicht selbst zur Verfügung, kostet eine Hülse einschließlich Aufpressen etwa 2 DM, wodurch man auch bei Eigenbau schnell bei 20 DM je Meter Fahrt anlangt.

Der Ausweg aus dem Dilemma liegt eigentlich nur im Ankauf von entsprechenden Fahrten durch einen Verein, der sie dann den Mitgliedern zur Verfügung stellen kann.

Für den Einsatz von Strickfahrten unter Tage sind die gleichen Regeln zu beachten wie beim Einsatz von Seiltechnik: Man bleibt nicht im Steinschlag stehen, setzt ordentliche Aufhängungen und läßt die Fahrt nicht über Kanten laufen.


 
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