Unterkühlung:
Physio- und Pathophysiologie, Therapie und Prophylaxen
1.
Physio- und Pathophysiologie
1.1.
Definition:
Der Mensch ist zur Aufrechterhaltung seiner Körperfunktionen
auf einen relativ engen Temperaturbereich von ca.
36,4 - 37,5°C angewiesen.
Als Unterkühlung (Hypothermie) bezeichnet
man eine Verminderung der Körperkerntemperatur
unter 35°C.
1.2.
Schweregrade:
Man unterteilt eine Unterkülung in verschiedene
Schweregrade bzw. Stadien, jeweils im Verhältnis
zur Körperkerntemperatur:
Grad
Stadium
Körperkerntemperatur
I.
Erregungssteigerung
ca. 37 - 34°C
II.
Erregungsabnahme
ca. 34 - 30°C
III.
Lähmung
ca. 30 - 27°C
IV.
Scheintod / Tod
unter 27°C
1.3.
Der menschliche Wärmehaushalt:
Wärmebildung
und Wärmeabgabe befinden sich normalerweise im
Gleichgewicht.
- Die
Wärmeerzeugung erfolgt:
- willkürlich
durch körperliche Aktivität
- über
Stoffwechselprozesse in der Leber (vegetativ gesteuert)
- über
den sogenannten Ruhetonus in der Skelettmuskulatur
Die
Wärmeabgabe erfolgt hauptsächlich durch:
- Wärmeabstrahlung
über die Haut (etwa 60 %), vorwiegend am
unbedeckten Kopf (bis zu 20 % des Gesamtwärmeverlusts)
- Abatmung
warmer Luft über die Lunge (etwa 20 - 25
%)
- Wärmeableitung
von der Haut (im kalten Wasser)
1.4.
Der Stoffwechsel:
Die
sogenannte Reaktions - Geschwindigkeits - Temperatur
- Regel sagt aus, dass die Geschwindigkeit biochemischer
Prozesse im Organismus von der Körpertemperatur
abhängig ist und sich bei deren Absinken verlangsamt.
Das bedeutet, dass bei Abnahme der Körpertemperatur
um 10°C sich der gesamte Sauerstoff-Verbrauch
um 50 % reduziert.
Für
uns gilt die RGT - Regel jedoch nur eingeschränkt,
da der menschl. Körper erst ab einer Temperatur
von ca. 34°C nicht mehr in der Lage ist, die Unterkühlung
zu kompensieren. Jedoch ist dieser Mechanismus mit
ein Grund, weshalb bei stark unterkühlten Patienten
die theoretischen Chancen einer Wiederbelebung auch
nach längerer Reanimationszeit recht gut sind.
1.5.
Das zentrale Nervensystem:
Bei
sinkender Temperatur bemerken wir hier besonders eine
Minderdurchblutung des Gehirns. Anhand der auftretenden
Symptome kann man Rückschlüsse auf die aktuelle
Körperkerntemperatur ziehen:
- unter
36,5°C Nervosität, Unruhe, Schmerzen
(besonders an Händen und Füßen),
Zittern
- um
35°C Kurzzeitgedächtnis beeinträchtigt,
Verlangsamung der Motorik
- unter
33°C Zunahme der Müdigkeit
- um
31°C Verwirrtheitszustände, keine Schmerzempfindung
- unter
31°C Bewusstseinsverlust
- um
28°C keine Stammhirnreflexe ( Schlucken, Beißen,
Husten )
- um
25°C Pupillen erweitert
1.6.
Das Herz - Kreislauf - System:
Bei
einer leichten Unterkühlung kommt es zuerst zu
einem Kompensationsversuch aller Organsysteme, welcher
jedoch bei tieferen Körpertemperaturen nicht
mehr gelingt. So gilt auch hier:
- bis
34°C Blutdruck und Pulsfrequenz erhöht
- 34
-27°C Blutdruck normal, dann langsam abfallend,
Pulsfrequenz ebenso, evtl. arrhythmisch
- unter
27°C Blutdruck stark erniedrigt, Puls nicht
mehr tastbar, evtl. Herzkammerflimmern
1.7.
Die Atmung:
Ebenfalls
verändert sich die Atmung bei sinkender Körpertemperatur.
Gleichfalls versucht der Körper wieder, den Abfall
auszugleichen, was jedoch nur bedingt funktioniert:
- unter
36,5°C beschleunigte Atmung
- unter
34,5°C Abnahme von Atemfrequenz, flache Atmung
- unter
25°C selten Spontanatmung, eintretende Atemlähmung
1.8.
Grenzen der Wiederbelebung:
Allgemein
lässt sich nicht sicher vorhersagen, welche Unterkühlungsstadien
vom Menschen überlebt werden. Im Durchschnitt
haben jedoch Körperkerntemperaturen von über
28°C eine gute Prognose.
Erfahrungen
mit Berg - oder Ertrinkungsunfällen zeigen ein
breites Temperaturspektrum zwischen 30 und 18°C,
bei dem ein Überleben noch möglich war.
Der
Tod tritt häufig bei ca. 28°C durch Herzkammerflimmern
ein. Jedoch können die Symptome einer starken
Unterkühlung vorzeitig den Tod vortäuschen.
Deshalb gilt:
Kein
Unterkühlter ist tot, solange er nicht warm und
tot ist !
1.9.
Diagnostik:
Die
Möglichkeiten für eine umfassende Diagnostik
werden in einer Höhle immer unzulänglich
sein. Jedoch sollte man bei einem Unterkühlten
grundsätzlich folgende Parameter abklären
und anschließend in regelmäßigen
Abständen überwachen:
- Bewusstsein
(Reaktion auf Ansprache, Berührung oder Schmerzreiz)
- Atmung
(Frequenz, Atemtiefe)
- Puls
am Handgelenk und an der Halsschlagader (Frequenz,
Rhythmus, Tastbarkeit). Bei schwer Unterkühlten
Puls sorgfältig und prolongiert tasten!
- Blutdruck
(mit elektronischem oder manuellem Gerät)
- Körpertemperatur
Letztere
misst man mit einem geeigneten elektronischen Thermometer
(soweit verfügbar, unter der Zunge) oder mit
einem Säuglingsthermometer (rektal). Unter günstigen
Bedingungen sollte die Temperatur rektal gemessen
werden. Es ist jedoch ausreichend, den Sensor des
elektronischen Thermometers unter der Zunge oder während
des Transports auchunter der Achsel zu platzieren,
um zumindest einen Temperaturtrend zu ermitteln. Dabei
sind ungenaue Ergebnisse nicht auszuschließen.
Da
die Gefahr des Zerbrechens des Thermometers gegeben
ist und man eine teilweise Entkleidung des Patienten
möglichst vermeiden sollte (Wärmeverlust),
wird man die Messung unter der Zunge/in der Achselhöhle
vorziehen. Handelsübliche Digitalthermometer
haben einen ungenügenden Messbereich. Mit Hilfe
der unter 1.5. bis 1.7. genannten Symptome lässt
sich die Körperkerntemperatur notfalls auch abschätzen.
Es wurden jedoch immer wieder Fälle beschrieben,
bei denen Patienten mit einer Körperkerntemperatur
von unter 28°C noch bewusstseinsklar waren und
auf eigenen Beinen stehen konnten. Daher ist auch
bei dieser Methode Vorsicht geboten.
2.
Therapie
2.1.
Allgemeine Richtlinien
Die
Primärversorgung in der Höhle
hat vor allem 5 Aufgaben:
- Behandlung
gestörter Vitalfunktionen
- Zuführen
von (angewärmtem) Sauerstoff
- Schutz
vor weiterer Auskühlung, ggf. Wiedererwärmung
- Herstellen
der Transportfähigkeit
- Vermeidung
von Komplikationen
Die
therapeutischen Maßnahmen sind
abhängig vom Zustand des Patienten:
- Patient
ansprechbar und orientiert:
Kälteschutz, behutsame aktive und passive Wiedererwärmung,
Vitalzeichenkontrolle
- Patient
schläfrig, verwirrt, nicht adäquat:
Kälteschutz, behutsame aktive Wiedererwärmung,
Vitalzeichenkontrolle, Keine Nahrungsaufnahme !
- Pat.bewusstlos:
Kälteschutz, engmaschige Vitalzeichenkontrolle,
Temperaturmessung
-Vitalzeichen
erhalten: behutsame aktive Wiedererwärmung,
keine Getränke, warme Umgebung schaffen
-Keine
Vitalzeichen: schnellstmöglich Temperaturmessung.
Bei Verdacht auf nicht unterkühlungsinduzierten
Herz-Kreislaufstillstand: Reanimationsversuch
(BasicLife Support), schnellstmögliche Vorbereitung
und Durchführung von erweiterten Reanimationsmaßnahmen.
-Bei
Temperatur unter 30 ° C: Isolation und
schnellstmöglicher Transport aus der Höhle,
keine Herz-Lungen-Wiederbelebung und keine erweiterten
Reanimamationsmaßnahmen!
Letztendlich
gilt jedoch: Die Entscheidung zur Reanimation
muss nach Abwägung der Situation vor Ort
getroffen werden !
Der
Transport aus der Höhle findet nur nach ausreichender
Wiedererwärmung oder beim schwerst Unterkühlten
statt.
Die
Wiedererwärmung hat jedoch grundsätzlich
sehr vorsichtig zu geschehen, um eine plötzliche
Erweiterung der Blutgefäße zu verhindern
(rascher Blutdruckabfall!). Diese Reaktion nennt man
den Wiedererwärmungsschock (After-Drop).
Eine
weitere Gefahr ist der gefürchtete Bergungstod,
wobei durch das Einschwemmen kalten Blutes aus der
Körperperipherie in den Rumpf ein sekundärer
Temperaturabfall geschieht, was zu einem Herzkammerflimmern
führen kann. So ist es oberstes Gebot, den Patienten
möglichst wenig zu bewegen, um eine Durchmischung
des verschieden temperierten Blutes unter allen Umständen
zu vermeiden !
2.2.
Kälteschutz
Da
der Verletzte in jeder Phase der Unterkühlung
an Wärme verliert ( siehe 1.3. ), muss er zuallererst
vor weiterem Wärmeverlust bewahrt werden. Dazu
stehen uns folgende Hilfsmittel zur Verfügung:
- Isolationsmatten aus Schaumstoff oder, in dünner
Ausführung, aus alubedampftem Schaumstoff
- Isolationsdecken aus aluminiumbeschichteter
Plastikfolie in dicker und dünner Ausführung
- trockene Ober - und Unterbekleidung,
Handschuhe, Mütze, Socken
- Schlafsack, Biwaksack,
Fleecedecken
- Luftmatratze, Vakuummatratze
- Atemlufterwärmer "Little
Dragon" (Anwendung s.u.)
- Reaktivierbare Wärmekissen,
Gummiwärmflasche
Die
Schaumstoffmatten sind zur Isolierung zum Boden hin
den Aludecken vorzuziehen, da sie besser gegen Kälte
schützen und gleichzeitig etwaige Bodenunebenheiten
ausgleichen. Nach Möglichkeit ist ein Kleiderwechsel
vorzunehmen, da nasse Bekleidung die Restwärme
absorbiert und nach außen abgibt. Handschuhe,
Mütze und Socken ebenfalls nicht vergessen, da
die Wärmeverluste an den unbedeckten Körperstellen
am größten sind. Eine Ausnahme stellt in
manchen Fällen der Neopren - Anzug dar, da er
bereits eine isolierende Wirkung besitzt. Falls Kleiderwechsel
und Schlafsack nicht zur Anwendung kommen können
(bestimmte Verletzungen, Gefahr des Bergungstods o.ä.),
muss der Verletzte in Decken (im Thermozelt keine
Aludecken) gepackt werden. Dabei ist zu beachten,
dass die Arme nicht am Körper anliegen dürfen,
da sonst der noch wärmere Körperstamm Temperatur
an die Arme ableitet. Zusätzlich wird mit den
Aludecken ein sogenanntes Thermozelt um
den Patient aufgebaut ( siehe unten ).
2.3.
Wiedererwärmung
2.3.1.
Passive Wiedererwärmung:
Passive Wiedererwärmung wird so genannt, da die
Erwärmung auf gutem Schutz vor weiterem Wärmeverlust
und einer Steigerung der Körpertemperatur um
ca. 0,5 - 1°C pro Stunde durch endogene Stoffwechselaktivität
des Organismus beruht. Sie stellt ein sicheres und
komplikationsarmes Verfahren dar. Sie kann bei klarem
Bewusstsein durch die Gabe von heißem Tee oder
Brühe und durch die Aufnahme geeigneter Nahrungsmittel
( z.B. Schokolade, Müsliriegel ) noch unterstützt
werden.
2.3.2.
Aktive Wiedererwärmung:
Abgesehen von der Aufwärmung eines Patienten
durch die Schaffung einer hohen Umgebungstemperatur
im Thermozelt mittels eines Gas - oder Spirituskochers,
gibt es noch andere Formen einen Unterkühlten
aktiv zu erwärmen. Jedoch sind nur wenige in
einer Höhle anwendbar. Von der Höhlenrettung
Baden-Württemberg e.V. wird die Applikation von
handelsüblichen Gummiwärmflaschen oder reaktivierbaren
Wärmekissen am Rumpf bevorzugt.
Diese
Methode entspricht in etwa der Wärmepackung nach
Hibler, wie sie sich in der Bergrettung bewährt
hat. Die Wärmeflasche hat aber den großen
Vorteil, dass das vorhandene Wasser immer wieder erneut
erhitzt werden kann. Die Wärmeflaschen müssen
auf Brust und Bauch des Unterkühlten gelegt und
bei Bedarf erneuert werden ( Vorsicht, Verbrennungsgefahr!
). Der Unterkühlte wird nach dem Auflegen der
Wärmeflaschen am Rumpf dick eingepackt, um den
Wärmeverlust nach außen so gering wie möglich
zu halten.
Eine
Methode zur aktiven und passiven Wiedererwärmung
sowie zum Kälteschutz ist die Anwendung des Atemlufterwärmers
"Little Dragon". Nach Zusammenbau und Inbetriebnahme
des Gerätes kann das Opfer wahlweise erwärmte
Umgebungsluft oder erwärmten Sauerstoff zu sich
nehmen.
Ebenso
bei der Wiedererwärmung helfen auf etwa 40°C
vorgewärmte, kristalloide Infusionen wie z.B.
NaCl 0,9 % oder Ringer – Lösung, jedoch ist Vorsicht
vor Überinfusion geboten. Invasive Eingriffe
(Legen von Venenverweilkanülen etc.) sind in
der Höhle nach Möglichkeit zu vermeiden.
3.
Prophylaxen
3.1.
Das Thermozelt
Obwohl
das Thermozelt obligat bei jeder Unterkühltenversorgung
ist, sollte es jedoch ebenso im Präventivbereich
angesiedelt sein. Ist ein Unfall einmal geschehen,
so eignet es sich hervorragend als schützendes
Zelt um eine Unterkühlung von Beginn an zu vermeiden.
Die Einzelteile zum Bau eines solchen Zeltes befinden
sich jeweils in den Autarkiepaketen.
3.1.1.
Das 1 - Mann - Thermozelt:
Eine Schnur wird in etwa 30 cm Höhe der Länge
nach über den Unterkühlten gespannt. Die
Schnur sollte vom Kopf zum Fuß leicht abfallend
sein . Sodann legt man 1 - 2 Aludecken zeltartig darüber.
Diese werden an der Schnur mit Wäscheklammern
und am Boden mit Steinen befestigt. An das Fußende
stellt man eine oder mehrere Wärmequellen ( Kerzen,
Kocher etc. ) um einen Warmluftstrom über dem
Verunglückten zu erzeugen (zum Vergrößern
Bilder anklicken).
1-Mann
- Thermozelt
Quelle:
Moeschler/Wenger, Handbuch für Höhlenretter
|
3.1.2.
Das 2 - Mann - Thermozelt
Beim 2 - Mann - Zelt werden zwei parallele Schnüre
in 1 - 1,5 m Höhe über dem Verletzten gespannt.
Wieder wird mit 4 - 6 Aludecken, Wäscheklammern
und Steinen zur Beschwerung ein, diesmal quaderförmiges
Zelt gebaut. Es ist darauf zu achten, dass einerseits
alle Ritzen dicht und die Seitenwände geschlossen
sind, andererseits jedoch eine kleine Kaminöffnung
bleibt um Verbrennungsgase der Wärmequellen entweichen
zu lassen.
Als
Wärmequellen nur im Notfall geeignet sind Karbidlampen,
da diese schädliche Gase entwickeln, die zu einer
starken Beeinträchtigung von Retter und Opfer
führen können.
Die
Schnüre sollten soweit voneinander entfernt sein,
dass neben dem Patienten auch noch ein medizinischer
Betreuer Platz findet.
Bei
ausreichendem Platzangebot in der Höhle kann
auch das 2-Mann Kuppelzelt der Höhlenrettung
Baden-Württemberg e.V. aufgebaut werden. Es bietet
Raum für 1 Patienten (inkl. Feldbett) sowie für
1-2 Betreuer und das notwendige Material.
|

2-
Mann - Thermozelt
|
3.2
Little Dragon:
Der "Little Dragon" ist ein Gerät, welches mit
Hilfe der exogenen chemischen Reaktion von Atemkalk
und Kohlendioxid die durch das Gerät geleitete
Umgebungsluft auf bis zu 60°C aufheizt. Diese
Warmluft kann vom Unterkühlten inhaliert werden.
Der mit Atemkalk gefüllte "Little Dragon" wird
durch eine 30 sec lange initiale Injektion von Kohlendioxid
aus einem beigelegten Druckbehälter aktiviert
und liefert dann ca. 20 min warme Luft. Danach muss
die Reaktion durch einen erneuten Kohlendioxidstoß
von 5 sec ca. alle 20 min. reaktiviert werden. Eine
Füllung mit Atemkalk reicht somit für 3
Stunden warmer Luft. Über den "Little Dragon"
kann auch reiner Sauerstoff zugeführt werden
und notfalls in Verbindung mit einem Beatmungsbeutel
auch mit Warmluft beatmet werden.
4.
Hinweise für den verantwortlichen Arzt:
Von
ärztlicher Seite ist zu beachten, dass bei unterkühlten
Patienten regelmäßig verschiedene Laborparameter
durch Blutentnahmen zu überwachen sind. Dies
bezieht sich hauptsächlich auf Blutbild, Gerinnungswerte,
Blutglukose, Nierenretentionswerte, Elektrolyte, Blutgase
und Kreuzblut. Bei unterkühlten Patienten, ist
eine EKG-Überwachung mit dem mobilen EKG-Gerät
der Höhlenrettung Baden-Württemberg e.V.
durchzuführen.
Literaturangaben:
1. Dick, W. ,Notfall - und Intensivmedizin , Verlag
de Gruyter, 1993 (S.252-260)
2. Das Rettungsmagazin, Ausgabe 6 / 96, S. 33
3. E.Turner, G.Kaudasch, Unterkühlung im Rettungsdienst
, Pabst, 2000
Alexander
Maier & Dr. med. Sylke Busch, 07.07.2004
Histoplasmose
- die unsichtbare Gefahr
Unter
Höhlenforschern ist das Reisen in außereuropäische
Länder zwecks des Besuches größerer,
wärmerer und schönerer Höhlen ein beliebter
Brauch. Doch gerade in asiatischen und amerikanischen
Gefilden bekommt man es bei etwas Pech mit einem äußerst
unliebsamen Reisebegleiter zu tun. Es handelt sich
um einen kleinen, etwa 1-5 Nanometer großen
Pilz, genannt Histoplasma capsulatum. Der Erreger
tritt besonders häufig bei Hühnern, Tauben
und, für unsereins ganz besonders wichtig, bei
Fledermäusen auf. Der Pilz kommt in deren Exkrementen
vor, welche ja bekanntermaßen gelegentlich in
engen Höhlenpassagen von Höhlenforschernasen
durchpflügt werden. Durch Einatmung gelangt der
Pilz in die Lungen, wo er sich innerhalb kurzer Zeit
ausbreitet und eine geringfügige Entzündung
der Lungen und der Bronchien auslöst.
Man
unterscheidet im Verlauf der Krankheit asymptomatische,
leichte, mittelschwere und schwere Formen. Die leichte
Infektion verläuft ähnlich einer Grippe
und kann ohne eine mikrobiologische Untersuchung durchaus
mit dieser vom Erscheinungsbild her verwechselt werden.
Sie dauert 1-4 Tage und ist die häufigste Form.
Die mittelschwere Form beginnt plötzlich mit
mäßigem Fieber und Brustschmerzen. Das
Röntgenbild der Lunge zeigt erste auffällige
Veränderungen, die Symptome bilden sich jedoch
innerhalb von 5-15 Tagen zurück. In einem Bruchteil
der Fälle kommt es jedoch zur Ausbildung der
Erkrankung mit ausgedehnter Verbreitung des Pilzes
und evtl. tödlichem Ausgang. Bei der schweren
Form unterscheiden wir in
1.
den akut-epidemischen Typ, der mit Fieber, Brustschmerz
und Husten einhergeht. Die Krankheit dauert eine Woche
bis mehrere Monate und hat relativ gute Aussichten
auf Heilung.
2.
den akut-progressiven (fortschreitenden) Typ, der
meist bei jungen Kindern, alten Leuten oder Menschen
deren Widerstandskräfte aus anderen Gründen
gemindert sind, beobachtet wird. Es kommt zur Streuung
der Erreger in alle Organe mit erheblicher Leber-,
Milz- und Lymphknotenschwellung, Anämie (Blutarmut)
und ähnlichen Erscheinungen wie die einer Blutvergiftung.
Diese Form führt im allgemeinen binnen 6 Wochen
zum Tode.
3.
Der chronisch-progressive Typ hat einen sich über
Jahre hinziehenden Verlauf und endet ebenfalls meist
tödlich. Es handelt sich um eine chronische Lungenerkrankung,
deren Erscheinung im Röntgenbild dem der Tuberkulose
ähnelt. Auch kommt es zu erheblicher Beteiligung
des Lymphgefäßsystems.
Nachzuweisen
ist eine Histoplasmose-Infektion, bzw. der Erreger
aus Abstrichen, Blut und Knochenmark. Durch einen
speziellen Hauttest, ähnlich dem TBC-Test, den
man vom Betriebsarzt kennt, kann ebenfalls eine, einen
Infekt anzeigende Reaktion hervorgerufen werden.
Zu
den gefürchteten Komplikationen der Erkrankung
zählen die Beteiligung aller inneren Organe -
speziell der Nebennieren, sowie Herzmuskelentzündungen,
Milzvergrößerung und Embolien.
Therapiert
wird die Histoplasmose mit Amphotericin B, einem pilztötenden
Antibiotikum. Bei der Histoplasmose evtl. entstehende
Tumoren, sog. Histoplasmome, werden chirurgisch entfernt.
Soweit
ein kurzer Überblick über eine Krankheit,
die nicht unbedingt tödlich verlaufen muß,
die man aber auch nicht auf die leichte Schulter nehmen
sollte. Deshalb ist es wichtig, sich vor Urlaubsreisen
in die genannten Gebiete (USA, Mittel- und Südamerika
sowie Asien, speziell Südostasien) bei örtlichen
Höhlenclubs zu informieren, wie groß die
Histoplasmosegefahr in den jeweiligen Ländern
ist. Auch sollte man lieber einmal einen Bogen zuviel
um eine mit besonders viel Guano bedeckte oder besonders
enge Höhle machen (die hat man ja sowieso daheim
zur Genüge).
Alexander
Maier & Dr. med. Sylke Busch
Leptospirose-
ein Risiko für Höhlenforscher ?!
Immer
wieder hört man als Höhlenforscher den Namen
Leptospirose oder, den im englischen wie im deutschen
Sprachraum gebräuchlichen Begriff Morbus Weil
/ Weil`s disease. Was bedeutet diese Erkrankung und
in wieweit betrifft Sie uns Höhlengänger?
Leider
gibt es die Leptospirose nicht nur in fernen Ländern
sondern auch in unseren Gefilden. In Großbritannien
zum Beispiel treten immer wieder Fälle von Leptospirose
auf und auch in unseren Höhlen kann u.U.eine
Infektion erfolgen. Das Verbreitungsgebiet des Erregers
ist weltweit.
Der
Erreger gehört zu den sogenannten Spirochäten,
das sind bakterienähnliche, lange, dünne,
spiralige Mikroorganismen. Diese kommen vor allem
in Ratten, Mäusen und anderen Nagetieren vor,
durch deren Urin sie in das feuchte Erdreich gespült
werden, und so auch in die Höhlengewässer
gelangen können. Die Aufnahme in den Höfokörper
geschieht durch das Inhalieren der Aerosole oder durch
Läsionen in Haut und Schleimhaut.
Eine
Erkrankung macht sich nicht immer sofort bemerkbar,
die Inkubationszeit beträgt bis zu 20 Tagen.
Ihr Verlauf hängt sehr von der „Untergattung“
des Erregers und von der Abwehrlage des Immunsystem
des betroffenen Höhlenforschers ab. Er variiert
von leicht und kurz bis schwer und lang (ca.3 Wochen).
Im
Frühstadium, genannt „Phase der Septikämie“
kommt es zu einem fulminanten Beginn der Krankheit
mit schlagartig hohem Fieber, Bindehautentzündung,
Waden-, Gelenk-, Nerven- und Kopfschmerzen sowie Hautausschlägen
und Blutdruckabfall.
Darauf
folgt ein fieberfreies Intervall und dann die sogenannte
„Phase der Organerkrankung“, welche sich durch eine
Leber-, Hirnhaut- und Nierenentzündung auszeichnet.
In diesem Abschnitt kommt es zur Antikörperbildung,
welche eine Immunität auf diesen speziellen Erreger
verspricht (falls der Patient die Erkrankung überlebt).
Die Sterblichkeitsrate schwerer Verläufe kann
bis über 20% betragen.
Die
Diagnose zur Leptospirose wird auf drei Hinweisen
begründet: der Berufs/Freizeitanamnese (Kanalarbeiter?,Höhlenforscher?),
dem Erregernachweis im Blut und Urin, sowie dem Nachweis
bereits gebildeter Antikörper. Die Erkrankung
und der Tod in Folge von Leptospirose sind meldepflichtig
! Bei Kanalarbeitern kann diese Erkrankung sogar als
Berufskrankheit anerkannt werden.
Zur
Therapie muß dem Patienten schon bei Leptospirose-Verdacht
über 10 Tage hochdosiert Penicillin G gegeben
werden, den nur eine frühzeitige Antibiotika-Gabe
beeinflußt den Verlauf der Krankheit
Alles
in allem kann also auch über diese Erkrankung
gesagt werden, daß Höhlenforscher zu den
Risikogruppen für eine Infektion gehören,
was nicht überbewertet, aber auch nicht völlig
vernachlässigt werden darf.
Quelle:
HEROLD,G. , Innere Medizin, 1998, Eigenverlag
Alexander
Maier & Dr. med. Sylke Busch