Tödlich verunglückter Höhlentaucher durch die Höhlenrettung Baden-Württemberg e.V. geborgen

Rettungs- und Bergungseinsatz der Höhlenrettung Baden-Württemberg e.V.

in der Wulfbachquelle, Mai 2000

Einsatzablauf:

Am Samstag, dem 6.05.00, wird kurz vor 20 Uhr ein Einsatzleiter (EL) der Höhlenrettung Baden-Württemberg e.V. (HöRe Ba-Wü e.V.) in Tübingen von der DRK Rettungsleitstelle (RLST) Esslingen über einen festsitzenden Taucher in der Wulfbachquelle (bei Mühlheim, Kreis Tuttlingen) informiert. Auf Wunsch des EL werden weitere EL und Alarmleiter (AL) der HöRe Ba-Wü e.V. und die Malteser Höhlenrettung in Bereitschaft versetzt.

Die Rückfrage bei der RLST Tuttlingen ergibt, daß zwei Personen eine Befahrung der Wulfbachquelle vorgenommen hatten, aber nur einer wieder herauskam und die RLST alarmiert hatte, weil sein Tauchpartner ohne Licht im Oropax sitze (eine Auftauch- und Engstelle, ca. 340 m in der Höhle). Mittlerweile sind Feuerwehr, DRK, Bergwacht und DLRG mit mehreren Fahrzeugen vor Ort. Der alarmierende Taucher wartet auf Unterwasserlampen, um zu seinem Partner zurück zu tauchen, den er vor ca. 2,5 Stunden verlassen hatte. Auch die DLRG Taucher planen einen Tauchgang. Durch Telefongespräche des EL der HöRe Ba-Wü e.V. können alle Taucher vor Ort davon abgehalten werden, sich mit Tauchversuchen in der ihnen unbekannten Höhle selbst zu gefährden. Der alarmierende Taucher gibt an, erst drei Höhlentauchgänge gemacht zu haben, und befolgt ebenfalls den Rat des EL. Des weiteren sei er ohne Licht in geschätzten 2,5 Std. zurückgetaucht. Sein Tauchpartner sei im Oropax und warte auf Licht.

In der Zwischenzeit bieten weitere Alarmleiter (AL) der HöRe Ba-Wü e.V. Wulfbach erfahrene Höhlentaucher auf. Ein Mitglied der HöRe Ba-Wü e.V. ist 30 Minuten nach der Alarmierung vor Ort und berät die Einsatzleitung der Rettungsdienste über die weitere Vorgehensweise.

Da Wulfbach erfahrene Höhlentaucher der HöRe Ba-Wü e.V. in der Umgebung nicht erreichbar sind, werden Kollegen aus dem Raum Ulm und Heidenheim aufgeboten, darunter auch Mitglieder der Höhlenforschergruppe Ostalb-Kirchheim (HFGOK). Ihre Einsatzorder ist, einem in einer lufterfüllten Kammer, ca. 340 m vom Eingang entfernt wartenden Taucher mit Lampen und Tauchgerät zu versorgen und hinaus zu geleiten.

Zur Verkürzung der Hilfsfrist für diese Taucher will die RLST Tuttlingen Helikoptertransporte organisieren. Um 21:15 erhält der EL von der Polizei-Helikopterstaffel die Information, daß ein geeigneter Helikopter in Stuttgart um 22:30 startklar wäre. Da diese Option nicht geeignet ist, die Taucher schneller als mit dem eigenem PKW heranzuführen, wird sie fallen gelassen.

Das Rettungsmaterial der HöRe Ba-Wü e.V. wird währenddessen durch die Bergwacht Stuttgart von der Rettungsstation Schopfloch mit Sondersignal zur Höhle gefahren.

Kurz nach 22 Uhr treffen vor Ort der erste Höhlentaucher und ein EL der HöRe Ba-Wü e.V. mit weiteren Helfern ein. Der Einsatzleiter zu Hause hat jetzt Alarmleiterfunktion. Es stellt sich heraus, daß der überlebende Taucher den vermißten Kollegen unter dem Oropax im Siphon verlassen hat, also nicht wie ursprünglich angenommen über Wasser.

Der erste Höhlentaucher macht sich einsatzklar, ein zweiter trifft ein und gegen 22:50 startet die eigentliche Rettungsaktion in der Höhle. Um 23:30 wird der vermißte Taucher im lufterfüllten unteren Bereich des Oropax aufgefunden. Ein tauchender Arzt kann anhand der einsetzenden Leichenstarre nur noch den Tod feststellen. Das 2x10 L Tauchgerät befindet sich am Grund des Siphons, eine Flasche ist voll, die andere leer.

Um 0:20 wollen gerade zwei weitere Höhlentaucher in die Höhle einsteigen, als das erste Team zurück kommt und den Tod des Tauchers meldet. Der Tauchpartner des Toten wird vom leitenden Notarzt (LNA) und EL, später vom eintreffenden Notfallseelsorger betreut.

Der Organisatorische Rettungsleiter (ORGL) informiert den AL der HöRe Ba-Wü e.V. zu Hause vom Tod des Tauchers. Dieser informiert die in Bereitschaft stehenden Retter und die Malteser Höhlenrettung.

Die Bergwacht Stuttgart rückt wieder ab. Die Kriminalpolizei Tuttlingen nimmt die Ermittlungen auf.

Vor Ort wird eine Bergung für den kommenden Nachmittag angesetzt. Die Einsatzkräfte beraten sich und um 2:30 ist der Einsatz beendet. Um 4 Uhr findet eine Einsatznachbesprechung in Tübingen statt.

Sonntag vormittags erfolgen umfangreiche Planungen zum bevorstehenden Bergungseinsatz. Die Kripo Tuttlingen wünscht eine Fotodokumentation des Fundortes.

Um 14 Uhr versammeln sich 23 Höhlentaucher und Helfer der HöRe Ba-Wü e.V. und HFGOK an der Wulfbachquelle, zu Hause sind weitere Kräfte in Bereitschaft. Unterstützt wird der Einsatz von der Freiwilligen Feuerwehr Mühlheim und der Bergwacht Donau-Heuberg. Nach ausführlicher Einsatzbesprechung und Vorbereitung startet kurz nach 16 Uhr der Bergungseinsatz. Ein erstes Team von vier Tauchern betritt die Höhle. Ihre Einsatzorder sind die Belüftung des Oropax mit Preßluft zur Selbstsicherung bei CO2-Gefahr, die Einrichtung kabelloser Kommunikation zur Einsatzleitung an der Oberfläche, die Fotodokumentation des Fundortes und die Bergung des Toten aus der Engstelle bis zur Mühlheimer Halle.

Eine brauchbare Sprechverbindung kommt wegen einem Wasserschaden am Funkgerät in der Höhle nicht zustande. Um 18 Uhr berichtet der erste zurückkehrende Taucher, daß der Tote aufgrund der Leichenstarre nicht aus der Engstelle befreit werden konnte, da er den Gang dort blockiert. Die Luft im Oropax wurde als gut empfunden, weshalb ein Ausblasen mittels mitgeführter Preßluft unterbleiben konnte. Auf dem Grund unter der Auftauchstelle wurde das Tauchgerät des Toten, ein Messer und der Bleigurt (ca. 10 kg) des überlebenden Tauchers gefunden und bis auf das Messer in die Mühlheimer Halle gebracht.

Während sich die Mannschaft an der Verköstigung durch die ARGE Höhle und Karst Albstadt stärkt, einigt sie sich auf einen weiteren Bergungsversuch am Freitag, den 12.05.

Um 18:30 bricht ein Höhlentaucher auf, um das Preßlufttauchgerät des Verunglückten zu bergen, welches sich mittlerweile in der Mühlheimer Halle befindet. Um 20:20 Uhr kommt er mit dem Tauchgerät des Toten zurück. Das Doppelgerät ist mittels eines Spanngurtes mit einem Jacket verbunden. Die Ventile waren geöffnet. Das Finimeter der vollen Flasche befindet sich uneinsehbar in einer Jackettasche. Die CO2-Patrone des Jackets ist benutzt. An der leeren Flasche sind an einer ersten Stufe zwei zweite Stufen (Oktopus) angebracht (vergl. Bericht G. Stauch). Das Tauchgerät wird von der Kripo sichergestellt. Die Höhle wird mit einem Gitter verschlossen und ein Betretungsverbot ausgesprochen.

In den folgenden Tagen bis zum Freitag veranstalten die Hauptverantwortlichen der Bergung von HöRe Ba-Wü e.V. und HFGOK ein Treffen zur Einsatzplanung und halten sich über e-m@il ständig auf dem Laufenden. Um einem weiteren Ausfall der Kommunikation zwischen Höhle und Oberfläche zu begegnen, wird eine zusätzliche Funkeinheit aufgeboten.

Am Freitag treffen die Verantwortlichen ab 12 Uhr ein, gegen 13:30 sind fast alle aufgebotenen Kräfte vor Ort.

Unterstützt wird der Einsatz wieder von der Freiwilligen Feuerwehr Mühlheim und der Bergwacht Donau-Heuberg. Nach ausführlicher Einsatzbesprechung und Vorbereitung beginnt um kurz vor 15 Uhr der Bergungseinsatz in der Höhle. Ein erstes Team von zwei Tauchern mit der Einsatzorder einer weiteren Fotodokumentation des Fundortes und der Bergung des Toten aus der Engstelle taucht ab. Ihm folgt ein dritter Taucher mit der kabellosen Kommunikationseinheit. Daran schließt sich ein Team von drei Tauchern an, die die Bergung im vierten Siphon vom Oropax zur Mühlheimer Halle übernehmen sollen. Mit etwas Abstand folgen zwei Taucher, die den Leinenverlauf optimieren sollen. Die anwesenden Pressevertreter werden über alle Maßnahmen vom EL der HöRe Ba-Wü e.V. und dem Pressesprecher der Polizei auf dem Laufendem gehalten. Der Bürgermeister und der Hauptamtsleiter von Mühlheim erscheinen vor Ort und machen sich ein Bild von der Lage.

Die Freiwillige Feuerwehr Mühlheim baut in der Einfahrt des Waldweges ein Mannschaftszelt als Sichtschutz auf. Der Bereich der Einsatzleitung wird mittels Planen vor Regen (und Pressekameras) geschützt.

Um 15:38 Uhr kommt eine erste Funkverbindung zur Mühlheimer Halle zustande. Darüber erfolgt eine ausführliche Information an die Presse. Die Feuerwehr sorgt für die Verpflegung der Einsatzkräfte.

Kurz nach 16 Uhr erfolgt die Meldung aus der Mühlheimer Halle, daß die Führungsleinen kontrolliert sind und zwei Taucher zurück kommen. Um 16:15 Uhr ist der Tote (mit eigenem Bleigurt, ca. 8-9 kg) aus der Engstelle des Oropax geborgen und durch den vierten Siphon gebracht wurde. Er befindet sich bereits in der Mühlheimer Halle. Auf diese Meldung hin macht sich das Transportteam aus sechs Tauchern für die Überwasserstrecke in der Mühlheimer Halle fertig und taucht mit einer flexiblen Höhlenrettungstrage ab, nachdem die zwei Leinenkontrolleure die Höhle verlassen haben.

Um 17 Uhr kommt das Transportteam in der Mühlheimer Halle an, lagert den Toten in der Trage und beginnt mit dem Transport zum dritten Siphon. Nach Absprache der Taucher beginnt um 17:30 Uhr der Transport Unterwasser im dritten Siphon. Um 18:05 Uhr melden sich vier Taucher beim EL der HöRe Ba-Wü e.V. zurück und teilen mit, daß die Trage sich am Anfang des ersten Siphons in der Eingangsnähe befindet. Der EL vereinbart mit der Polizei die endgültige Bergung für 19 Uhr, damit die Vorbereitungen für die Aussegnung in einem noch aufzubauenden Zelt durchgeführt werden können.

Um 18:30 Uhr wird das Telefon in der Mühlheimer Halle abgebaut und um 19 Uhr verläßt der letzte Taucher die Höhle. Direkt davor übernimmt die Bergwacht Donau-Heuberg im Höhlenportal den Toten, lagert ihn in die Gebirgstrage um und transportiert ihn den Hang zum Waldweg hinauf.

Der Tote wird im Zelt aufgebahrt und die Angehörigen nehmen von ihm Abschied.

Um 19:35 Uhr findet im Einsatzleiterzelt eine kurze Abschlußbesprechung statt, in der sich der EL bei allen Helfern der verschiedenen Gruppen und Rettungsorganisationen bedankt.

Das Material wird zusammengeräumt und sortiert, die Einsatzkräfte werden im Feuerwehrhaus in Mühlheim von Feuerwehr und Bergwacht beköstigt. Hier erfolgt auch eine Diskussion des Einsatzes.

Gegen 23 Uhr machen sich die Helfer auf den Heimweg.
 
Helfer
Einsatz Std.
km
Rettungseinsatz: 6.05.00
16
55,7
2456
Bergungseinsatz: 7.05.00
23
100,5
3988
Bergungseinsatz: 12.05.00
33
191,8
8404
Summe:
72
348
14848

Unfallanalyse:

Der Unfall ereignete sich, nachdem die Leuchtdauer der Batterielampen ihr Ende erreicht hatte. Ohne Licht, mit ungeeigneter Ausrüstung und aufgebrauchter Luftreserve erstickte der Taucher in der Luftglocke, mutmaßlich an den Folgen des Beinahe-Ertrinkens.

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Der Unfall hätte vermieden werden können, wenn sich die beiden Sportler um Kontakt zu erfahrenen Höhlentauchern und Höhlenforschervereinen bemüht hätten.

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Die Höhlenrettung Baden-Württemberg e.V. bedankt sich bei allen Helfern der verschiedenen Organisationen für die optimale Zusammenarbeit bei der schwierigen, aber erfolgreichen Bergung: Höhlenforschergruppe Ostalb -Kirchheim, Feuerwehr Mühlheim, Bergwacht Stuttgart und Donau-Heuberg, den Notfallseelsorgern, Verwaltung und Bürgermeister der Gemeinde Mühlheim, Polizei Tuttlingen, DLRG Tuttlingen, DRK Tuttlingen und Mühlheim, ARGE Höhle und Karst Albstadt und die in Bereitschaft stehende Malteser Höhlenrettung.

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Nach den Aufzeichnungen von S. Busch, G. Kleiner, M. Leyk, A. Maier., M. Müller, T. Müller und G. Stauch und Aussagen von J. Bohnert, U. Fischer, W. Gieswein, M. Hüttemann und A. Kücha sowie den Verlautbarungen der Polizei Tuttlingen (ein endgültiger Obduktionsbericht lag uns nicht vor).

Alle Angaben nach bestem Wissen und vorbehaltlich der weiteren Erkenntnis neuer Tatsachen und Beweise.
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M. Leyk, Geschäftsführer der Höhlenrettung Baden-Württemberg e.V. , Tübingen, den 26.05.00


Bilder von der Rettung
 
Aufnahme: J. Bohnert
Auf dem Waldweg oberhalb der Höhle machen sich Höhlentaucher einsatzklar
Aufnahme: J. Bohnert
Zwei Höhlentaucher kurz vor dem Abtauchen in die Wulfbachquelle
Aufnahme J. Bohnert
Ein Höhlentaucher berichtet der Polizei und Einsatzleitung der
Höhlenrettung von der erfolgreichen Bergung

 

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